UNSER LAND

(6) Das Jahr der Frau - 1975

1975 – Halbzeit in diesem bewegten Jahrzehnt. Und: ein Jahr starker Frauen. Kein Wunder, es war ja auch das internationale Jahr der Frau. Zum ersten Mal, ausgerufen von der UNO.

So legt der sechste Film in der zehnteiligen WDR-Reihe über das Lebensgefühl der 70er in NRW den Schwerpunkt auf Frauen und ihre Geschichten. Frauen wie die Bonner Studentin Florence Hervé, die sich demonstrierend einmischten, weil sie nicht einsehen wollten, dass sich - anders als in ihrer französischen Heimat - Familie und Beruf für Frauen in Deutschland ausschließen sollten.

Andere Frauen machten 1975 einfach „ihr Ding“, wie es damals hieß: Die Schülerin Vera Brandes landete einen Coup, und lockte den weltberühmten Jazz-Pianisten Keith Jarrett zu einem Konzert in die Kölner Oper. Fast hätte es nicht stattgefunden, weil der versprochene Konzertflügel nicht zur Verfügung stand, und weil beim völlig verstimmten Ersatzklavier die Tasten klemmten. Wie die junge Vera Brandes den Maestro doch noch überredete zu spielen, und wie daraus eine der erfolgreichsten Jazzplatten aller Zeiten wurde, das hat sie Doku-Autor Martin Herzog am Ort des Geschehens erzählt. Für sie wurde die Kölner Oper zum Schicksalsort, und 1975 zum Schicksalsjahr, das ihr weiteres Leben bestimmen sollte.

Noch einschneidender wurde dieses Jahr für die 14-Jjhrige Tu Phuong Le, die im Frühjahr 1975 am Flughafen Köln-Bonn ankam. Ziel war das Friedensdorf in Oberhausen, das seit Ende der 60er kriegsversehrte Kinder aus Vietnam aufnahm, sie medizinisch versorgte und notwendige Operationen und Physiotherapie übernahm. Ein halbes Jahr lang sollte auch Phuong dort bleiben, und danach nach Saigon zu ihrer Familie zurückkehren. Doch kaum war sie in Oberhausen angekommen, ging der Vietnamkrieg zu Ende und die neue Regierung verweigerte Phuong und 100 anderen Kindern die Rückkehr in ihre Heimat. Sie waren in NRW gestrandet, und mussten fürchten, ihre Familien niemals wieder zu sehen.

Deutlich weniger dramatisch ging es bei den Landtagswahlen zu: drei Parteien, und wie immer gewinnt die SPD. Ministerpräsident Kuhn kann weiter regieren, mit Hilfe der Liberalen. Die FDP schickt Burkhard Hirsch nach Düsseldorf. Als NRW-Innenminister darf er sich fortan um die Problemfälle der lange geplanten kommunalen Gebietsreform herumschlagen, die 1975 umgesetzt wird. Eine ganze Reihe Städte und Gemeinden im ganzen Land wehren sich gegen ihre zwangsweise Zusammenlegung oder Zerschlagung: Das rheinische Wesseling will nicht zu Köln gehören, das niederrheinische Meerbusch wehrt sich dagegen, zwischen Krefeld und Düsseldorf aufgeteilt zu werden, und im Ruhrgebiet hadert Kettwig mit seiner neuen Zugehörigkeit zu Essen.

Viel zu tun in NRW, zumal die Wirtschaft strauchelt und die Arbeitslosigkeit steigt, wofür viele die zweieinhalb Millionen Gastarbeiter im Land verantwortlich machen. Nachdem man jahrzehntelang zehntausende ins Land gelockt hat, will man sie nun am liebsten ganz schnell wieder los werden. Doch die werden selbstbewusster: „Wir sind noch da!“ lautet das Motto des ersten Ausländerkongresses in der Bundesrepublik in Bochum bei dem zeigen Italiener, Portugiesen, Griechen und Türken Flagge zeigen. Aber es ist nicht alles trüb 1975: Bei den ersten Weltmeisterschaften im Formationsspringen im münsterländischen Warendorf zeigt die deutsche Nationalmannschaft aus Remscheid, was sie kann; der Scout-Schulranzen kommt bei NRWs I-Dötzen ganz groß raus, und beim Bundeswettbewerb „Vorbildliche Autofahrerin“ gewinnt eine junge Studentin aus Leverkusen – wenn das nicht mal ein Erfolg ist im Jahr der Frau...

Erzählt wird der Film über das Jahr der Frau - natürlich von einem Mann. Lutz van der Horst steht Pate für 1975. Der Comedian und berüchtigte Außenreporter der Heute Show kam im August des Jahres in Köln zur Welt, am Ende einer wochenlangen Hitzewelle im Westen Deutschlands - und das, wo er doch, wie seine Mutter und seine gesamte Familie auch, heißes Wetter nicht ausstehen kann. Aber immerhin ist Papa zur Stelle mit der neu erworbenen Super-8-Kamera und gibt einen Vorgeschmack auf die spätere Bildschirmkarriere seines Sprösslings.

Erstausstrahlung: Freitag, 15. September 2017 um 20:15 Uhr im WDR

Länge 1 x 45'
Jahr 2017
Genre Dokumentation
Format 16:9 HDTV
Regie Martin Herzog
Sender WDR