Theaterlandschaften

Maxim Gorki Theater

An Berlins legendärem Prachtboulevard, in direkter Nachbarschaft zu Staatsoper, Humboldt- Universität, dem Deutschen Historischen Museum und Neuer Wache befindet sich das kleinste der großen Berliner Theater: Das Maxim Gorki Theater. Zum Zeitgeschehen musste sich das kleine Haus von Anbeginn seines Bestehens positionieren und so fühlt man sich bis heute der deutschen Geschichte verpflichtet.

Das ursprünglich die Zeltersche Sinkakademie beherbergende Gebäude  wird nach dem Krieg zu einem Theater umfunktioniert: Im Geiste einer neuen Utopie gründet man das  Maxim-Gorki Theater. Zunächst fungiert es ab 1946 als Spielstätte des benachbarten Hauses der Kultur der Sowjetunion. Wolfgang Langhoff, Kommunist und Intendant des Deutschen Theaters, inszeniert hier 1948 die Optimistische Tragödie von Wsewolod Wischnewski. 1952 benennt man das Theater nach dem russischen Revolutionsdichter Maxim Gorki. Erklärtes Programm ist es, ein sozialistisches Menschenbild zu propagieren. Erster Intendant wird der aus dem sowjetischen Exil zurückgekehrte Maxim Vallentin.

Draußen, direkt vor der Tür des Theaters hat die Wahrheit der sozialistischen Utopie längst ihr hässlichstes Gesicht gezeigt. Der Aufstand des 17. Juni 1953 ist von der Sowjetmacht blutig niedergeschlagen worden. Kommunistische Theatermacher wie Vallentin halten allerdings weiter an ihren hohen Idealen einer neuen, besseren Gesellschaft fest.  Doch diese Ideale und der real existierende Sozialismus driften immer stärker auseinander. Das Gorki Theater stimmt nach und nach auch kritische Töne an.

1968 wird Albert Hetterle der neue Intendant des Gorki Theaters. Er fühlt sich der russischen und der sowjetischen Tradition des Hauses verpflichtet. Vielen gilt das Gorki Theater als Parteitheater, in das man nicht geht. Hettertle bekämpft diese Einstellung mit einer Art sozialistischem Boulevardtheater. Doch in den 70er und 80er Jahren schmelzen selbst die Ideale überzeugter Parteisoldaten in der DDR. Intendant Albert Hetterle, ändert sich und sein Verhältnis zum Staat. "Drei Schwestern", das Stück von Tschechow, in dem eine erstarrte Gesellschaft von einem anderen Leben träumt, wird von vielen Zuschauern als Parabel auf die DDR gesehen. 1988 schreibt Volker Braun in seiner "Ãœbergangsgesellschaft" die "Drei Schwestern" gedanklich fort und bezieht sie direkt auf die DDR. Der Premierenabend gerät zur umstrittenen Sensation.  Ein knappes Jahr später, im November 1989 initiieren Ostberliner Theaterleute die große Demonstration auf dem Alexanderplatz, der Aufruf der Künstler zu mehr Demokratie. Das Gorki Theater ist ganz vorne dabei. Am 9. November 1989 fällt die Mauer, das Ende der DDR ist besiegelt. Ein Jahr später wird Deutschland wiedervereinigt.

Das Gorki Theater ist zu diesem Zeitpunkt ein Haus mit einem starken Ensemble und starkem Profil und mit großem Publikumsinteresse. Lange Jahre haben die Mitarbeiter zusammengeschweißt. Das familiäre Gorki verändert sich in den Nachwendejahren stark. Nach 26 Jahren tritt Hetterle ab und die Gorki-Familie wird neu gemischt. Und mal wieder zieht der Boulevard die Zuschauer ins Theater. Ganz Berlin steht Kopf als der Volksschauspieler Harald Juhnke den "Hauptmann von Köpenick" gibt. 

In den 90er Jahren rutscht Berlin nach der großen Vereinigungseuphorie in die große Krise. Viele Theater und Kultureinrichtungen werden geschlossen. Ein radikaler Schnitt für ein Haus in der Depression: 2006 wird Armin Petras Chef des Maxim-Gorki-Theaters bestimmt. Gleich mit zehn Premieren auf einen Schlag eröffnet er seine Intendanz. Und in diesem Tempo geht es munter weiter. Man nennt ihn auch den "rasenden Armin". Zu den Inszenierungen strömen überwiegend junge Zuschauer und auf prominente Schauspieler wie Fritzi Haberland, Peter Kurth oder Regine Zimmermann hat die Ästhetik des Armin Petras große Anziehungskraft.  Petras sammelt Menschen um sich, deren Werk sich mit der deutsch-deutschen Geschichte beschäftigt. Aber er orientiert sich auch am Heute. 50 Uraufführungen hat Petras in zwei Jahren ermöglicht – junge Autoren stehen auf dem Spielplan und das Durchschnittsalter der Zuschauer ist von Mitte 50 auf Mitte 30 gesunken.

Das Maxim Gorki Theater hat wieder Zukunft in der Mitte Berlins, der Mitte der deutschen Hauptstadt.  Am Boulevard mit der vielen Geschichte... eingebettet in diese bedeutende, in diese geschichtsträchtige Umgebung. 

Erstausstrahlung: So, 06. September 2009, 12:30 Uhr, 3sat 

Länge 1 x 30'
Jahr 2009
Genre Dokumentation
Format Digital Betacam
Regie Niels Negendank
Sender ZDFtheaterkanal / 3sat / ZDFdokukanal
Link Maxim Gorki Theater